Titel: Funktion
der Filmbildung an Grenzfläche Meer/Atmosphäre für den
Transport und die Produktion von Spurengasen
Ziele des
Netzwerks: Die Eigenschaften von Phasengrenzflächen im
marinen Milieu bestimmen den Stofftransport zwischen den betreffenden
Kompartimenten. Gleichzeitig bieten Grenzflächen physiko-chemische
Bedingungen unter denen bevorzugt photochemische und mikrobiologische
Stoffumwandlungen erfolgen. Die Grenzfläche Meer/Atmosphäre
stellt das Nadelöhr für den Spurengastransport dar, da die
äußersten etwa 10 - 100 µm der Wasseroberfläche
durch die sehr langsame molekulare Diffusion überwunden werden
müssen. Dieser Vorgang kann zudem dadurch gehemmt werden, dass
oberflächenaktive organische Verbindungen die
Wasseroberfläche mit einem Film überziehen. Die Anreicherung
von organischen Verbindungen wirkt aber nicht nur auf den Gasaustausch
sondern führt auch zu verstärkten mikrobiologischen
Aktivitäten, durch die klima-relevante Spurengase (halogenierte
Kohlenwasserstoffe, Methan, Dimethylsulfid) freigesetzt, modifiziert
oder auch abgebaut werden können. Diese Prozesse können
durch photochemische Reaktionen im Oberflächenfilm überlagert
werden, deren Bedeutung für die Produktion von Spurengasen
ebenfalls belegt ist.
Die geschilderten Auswirkungen von organischen Filmbildnern auf die
Hemmung des Gasaustauschs und auf die Produktion von Spurengasen sind
zwar qualitativ in der Literatur beschrieben, es lassen sich aus den
Studien jedoch keine quantitativen Zusammenhänge zwischen der
Filmdichte und den genannten Effekten ableiten. Um diesbezüglich
Fortschritte zu erreichen, wird ein Verbundprojekt vorgeschlagen, in
welchem Meeres- und Physikochemiker, Atmosphären-Chemiker und
Physiker sowie Mikrobiologen ihre Expertise einbringen, um gemeinsam
folgende Ziele zu erreichen:
Durch Laborexperimente und theoretische Studien soll die Kinetik
der Filmbildung und die dadurch bedingte Hemmung des Gasaustauschs
quantifiziert werden.
Für ausgewählte Spurengase (halogenierte
Kohlenwasserstoffe) sollen mikrobiologisch und photochemisch induzierte
Bildungs- und Abbauraten in Abhängigkeit von der chemischen
Zusammensetzung und der bakteriellen Besiedelung von
Oberflächenfilmen bestimmt werden.
Es soll ein Modell zur mikro-physikalischen Beschreibung des
Gasaustauschs an der Meeresoberfläche entwickelt werden, das die
Bildung von Oberflächenfilmen und die Auswirkungen auf den
Spurengastransport und die Spurengasbildung berücksichtigt.
Vorhaben: Hierzu
werden in einem Netzwerk das
Institut für Ostseeforschung Warnemünde
Institut für Chemie/Abt. Physikalische/Theoretische Chemie
der
Uni Rostock
Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel
Leibniz-Institut für Troposphärenforschung Leipzig
folgende vier Teilvorhaben gemeinsam bearbeiten:
1. Kinetik
der Filmbildung und Auswirkungen auf die Diffusion von Spurengasen
(Prof. R. Ludwig, 1 Doktorand, Institut für Chemie/Abteilung
Physikalische Chemie/Theoretische Chemie der Universität Rostock;
Dr. B. Schneider, Institut für Ostseeforschung): Laborexperimente
(IOW) zur Kinetik der Filmbildung und zum Gastransfer an filmbelegten
Oberflächen werden durch theoretische Betrachtungen und
Modellrechnungen (Uni Rostock) zur Diffusion von Gasen and der
Wasser/Luft-Grenzfläche ergänzt. In der ersten Phase der
experimentellen Studien werden Messungen der dynamischen
Oberflächenspannung von Meerwasserproben vorgenommen. Hierbei wird
durch ein Blasendruck-Tensiometer die zeitliche Änderung der
Oberflächenspannung an einer frisch gebildeten Oberfäche
bestimmt. Diese stellt ein Maß für die Geschwindigkeit der
Filmbildung dar, aus der sich Diffusionskoeffizienten für
Filmbildner abschätzen lassen. An diese Messungen schließen
sich in einer zweiten Phase Untersuchungen zur Hemmung des
Gasaustauschs durch Oberflächenfilme an. Es sind Tankexperimente
vorgesehen, bei denen die Transfergeschwindigkeit für den
Gasaustausch-Austausch (O2, CO2) an Oberflächen mit
unterschiedlichen Filmbelegungen bestimmt werden. Um abschätzen zu
können, ob Oberflächenfilme eine Änderung des
O2-Diffusionskoeffizienten bewirken, sollen Molekulardynamische
Simulationen durchgeführt werden. Diese Methode soll zum ersten
Mal systematisch zur Untersuchung der Grenzflächen Wasser/Luft
eingesetzt und weiter entwickelt werden. Effiziente
Simulationstechniken und das ungebrochen ansteigende
Leistungsvermögen moderner Rechner gestatten inzwischen das
Studium von Flüssigkeit/Gas-Grenzflächen und die Ableitung
makroskopischer Größen durch die Aufklärung
mikroskopischer Strukturen und Prozesse. Trotz der geringen
Löslichkeit von Gasen in Wasser und der aufgrund geringer
Teilchendichten auftretenden statistischen Probleme, können heute
auch Transporteigenschaften wie Diffusionskoeffizienten an
Grenzflächen zuverlässig bestimmt werden. Es ist vorgesehen,
Löslichkeiten und Transportgrößen der Gase N2, O2 und
Methan an den Grenzflächen Wasser/Luft und Meer/Luft durch die
Molekulardynamische Simulation zu bestimmen sowie den Einfluss von
löslichen und unlöslichen organischen Verbindungen auf die
Grenzflächeneigenschaften und damit auf den Gasaustausch
abzuschätzen.
2. Chemische
Charakterisierung und Reaktionen in Oberflächenfilmen (Prof.
Schulz-Bull, , 1 Doktorand, Institut für Ostseeforschung; Prof. H.
Herrmann, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung, 1
Doktorand): Organische Substanzen finden sich in marinen
Oberflächenfilmen in teilweise 100 fach höheren
Konzentrationen als im darunter liegenden Oberflächenwasser. Die
Kenntnisse zur chemische Zusammensetzung von Oberflächenfilmen
wurden in den letzten Jahren durch moderne analytische Techniken
wesentlich erweitert. Es wurden viele oberflächenaktive organische
Substanzen biologischen, terrigen und anthropogenen Ursprungs
identifiziert, wie z.B. Kohlenhydrate, Pigmente, Lipide,
Carbonyl-verbindungen, Huminstoffe, sowie organische Schadstoffe (PCB,
PAH). Einerseits beeinflusst die Zusammensetzung und Konzentration
dieser Substanzen sowie die zeitliche Variabilität die
Stoffflüsse von Gasen zwischen Meerwasser und Atmosphäre.
Andererseits finden chemische Reaktionen in dem Komponentenpool selbst
statt, wie die Bildung von leichtflüchtigen Substanzen, die zu
einem erhöhten Stoffaustausch führen. Die Expertise der
beiden beteiligten Institute zur organischen Spurenanalytik
ergänzen sich methodisch und sollen zur Bearbeitung der folgenden
Themengebiete beitragen:
kontaminationsfreie Beprobung von Oberflächenfilmen auf
Forschungsexpeditionen zur Gewinnung von Material für die
organischen Spurenstoffanalysen (IOW );
chemische Charakterisierung der oberflächenaktiven
organischen Substanzen: gelöster und partikulärer organischer
Kohlenstoff (DOC, POC, DON, PON), Pigmente, Huminstoffe, semivolatile
organische Verbindungen sowie halogenierte Kohlenwasserstoffe (IfT und
IOW);
Photochemische/radikalische Reaktionen in Oberflächenfilmen
in Laborexperimenten:
Untersuchung von Multiphasenprozessen mit physikochemischen
Methoden (Radikalreaktinen in flüssiger Phase):Untersuchungen von
Radikalbudgets und Konversionen mit Proxies und originärem
Meerwasser (IfT);
3.
Mikrobiologische Produktion von Spurengasen (Prof.
Jürgens,1Doktorand, Institut für Ostseeforschung; Prof.
LaRoche,1 Doktorand, Leibniz-Institut für Meereskunde Kiel): Der
Oberflächenfilm des Meeres ist, aufgrund der Anreicherung mit
gelösten und partikulären Substanzen und der
Strahlungsexposition, ein spezielles Habitat für eine
Lebensgemeinschaft von autotrophen und heterotrophen Mikroorganismen
(Neuston). Insbesondere die Konzentration und
Stoffwechselaktivität von Bakterien ist hier wesentlich höher
als in der darunter liegenden Wasserschicht. Neue Probenahmetechniken
und der Einsatz molekularbiologischer Analysen zeigten, dass im
Bakterioneuston eine eigenständige, angepasste Artengemeinschaft
vorkommt. Die Mikroorganismen im Oberflächenfilm regulieren
über ihr Produktions- und Abbauverhalten die Konzentration und den
Transport wichtiger, auch klimarelevanter Gase und sind daher bei
der Bestimmung und Modellierung des Gasaustausches zu
berücksichtigen. Der Austausch von DMS, N2O, CH4 und anderer
Spurengase durch eine mit aktiver Biomasse mit hohem
Oxidationspotential beladener Oberflächenmembran kann somit nicht
nur durch physiko-chemische Koeffizienten beschrieben werden, sondern
muss das Gleichgewicht biologischer Aufnahme- und Abgabe-prozesse
beinhalten. Am Beispiel der halogenierten Kohlenwasserstoffe wird
deutlich, dass Mikroorganismen gleichzeitig Quellen (verschiedene
Mikroalgen) und Senken (Abbau durch methylotrophe Bakterien)
darstellen. Um die Bedeutung von Mikroorganismen für den
Gasaustausch in Oberflächenfilmen besser zu verstehen, ist
geplant, bei Freilanduntersuchungen zum Gasaustausch die
Diversität und Aktivität des Bakterioneustons im
Oberflächenfilm mit einzubeziehen und über die Expression
funktionaler Gene (z.B. Methyltransferasen) die Aktivität
spezifischer, für den Abbau von Spurengasen relevanter
Bakteriengruppen zu erfassen.
4.
Mikrophysikalisches Modell für Austauschprozesse an filmbelegten
Oberflächen ( Dr. Ch. Zuelicke, Institut für
Ostseeforschung; alle Beteiligten): Die durch die experimentellen und
theoretischen Prozessstudien erarbeiteten und für den Gasaustausch
relevanten Größen werden in einem mikrophysikalischen Modell
zusammengeführt. Dazu werden die charakteristischen Zeitskalen
für die Austauschgeschwindigkeit in Abhängigkeit von den
durch organische Oberflächenfilme modifizierten
Oberflächeneigenschaften in Form von effektiven
Diffusionskoeffizienten erfasst. Dem liegt die Abhängigkeit der
aerodynamischen Rauhigkeit und der Oberflächenerneuerung von der
Oberflächenspannung und der Zähigkeit zugrunde. Es werden
vereinfachte Formeln für die Abschätzung des Gasaustauschs
abgeleitet, die einerseits in gekoppelten
Ozean/Atmosphären-Modellen Anwendung finden können und
andererseits geeignet sind, auf der Grundlage von gemessenen
Partialdruckdifferenzen zwischen Meer und Atmosphäre Flussraten zu
bestimmen. Der Produktion und dem Abbau von Spurengasen im
Oberflächenfilm wird durch entsprechende Quell-/Senkenterme
Rechnung getragen.
Maßnahmen zur Vernetzung:
Die fünf Teilvorhaben sind zwar inhaltlich eng miteinander
verknüpft, sie erfordern aber höchst unterschiedliche
Forschungskompetenzen: Meereschemie, Atmosphären Chemie/Physik,
Theoretische Chemie und Mikrobiologie. Um die genannten Forschungsziele
zu erreichen, ist es daher erforderlich ein Netzwerk zwischen
verschiedenen Instituten zu bilden. Zudem ist vorgesehen, weitgehend
Doktoranden für die Forschungsarbeiten einzusetzen, um der
Nachwuchswissenschaftler mit der Fähigkeit zu breitem
interdisziplinären Denken und Arbeiten heranzubilden. Lediglich
für die Organisation und die Kommunikation innerhalb des Netzwerks
soll ein Wissenschaftler eingesetzt werden, der bereits Erfahrungen bei
der Koordinierung eines EU-Projektes erworben hat. Um ein
funktionierendes Netzwerk sicherzustellen, sind vom Koordinator
folgende Maßnahmen zu organisieren:
Interne Workshops der beteiligten Arbeitsgruppen, in denen die
aktuellen Forschungsergebnisse durch Mitarbeiter vorgestellt und
eingehend diskutiert werden (1 -2 Treffen pro Jahr).
Öffentliche Kolloquien, zu denen Kollegen aus dem In- und
Ausland zu intensiven Gesprächen "vor Ort" eingeladen werden (in
den Jahren 2 und 3 jeweils eine Veranstaltung).
Integration der Netzwerkbeiträge in Kolloquien und
Vortragsreihen der beteiligten Einrichtungen (z.B. GDCh-Kolloquium
etc.).
Gemeinsames Internetportal, über das vielfältige
Informationen gesammelt und allgemein zugänglich gemacht werden.
Hier sollen nicht nur das Netzwerk, einzelne Projekte und
Forschungsziele vorgestellt, sondern auch aktuell über
Publikationen, Veranstaltungen und Pressenotizen informiert werden.
Gemeinsame Publikationen und Manuskripte, welche die enge
Vernetzung der Forschungsfelder und -inhalte dokumentieren. Zum
Abschluss ist ein Sonderheft über die Forschungsergebnisse des
Netzwerks geplant.