Der Ostseedorsch, Vorkommen und Nutzung - gestern, heute und morgen

Dr. Peter Ernst
Institut für Ostseefischerei Rostock

Der Kabeljau ist mit regionalen Beständen unterschiedlicher Größe im gesamten Atlantik verbreitet. Er ist "Familienmitglied" der Kabeljauartigen, zu denen neben den Arten Schellfisch, Seelachs oder Wittling auch noch andere, weniger bekannte Arten gehören. Der Kabeljau der Ostsee wird Dorsch genannt. Der Dorsch ist mit zwei Unterarten in der Ostsee verbreitet. Die Unterarten unterscheiden sich durch äußere und biologisch-physiologische Merkmale, z.B. durch die Länge pro Alter, die Farbgebung und biologisch-chemische Strukturen. Diese beiden Unterarten haben unterschiedliche Hauptverbreitungsgebiete. Zur Bewirtschaftung, d.h. aus Managementgründen, hat man sie in zwei Bestände zusammengefasst. Zum westlichen Dorschbestand zählen die Vorkommen westlich der Insel Bornholm bis zu den Belten und den Sund. Die östlichen Dorschvorkommen, die von dem "eigentlichen Dorsch" gebildet werden, konzentrieren sich hauptsächlich in den Gebieten von Bornholm, vor Danzig und von Gotland. Dieser Dorsch führt weite Wanderungen zu den Fressplätzen und zurück zu den Laichplätzen durch. Dadurch kommt es in den Grenzgebieten beider Bestände zu Vermischungen beider Arten. Der Dorsch laicht alters- und gebietsabhängig überwiegend von März bis Juli/August. Generell sind alle Dorsche mit fünf Jahren erwachsen - sie können laichen. Einige Dorsche laichen bereits erstmals im Alter von einem Jahr. Die Eibefruchtung und -entwicklung sowie die Überlebensrate der Larven hängt von den Umweltverhältnissen, vor allem vom Salz- und Sauerstoffgehalt ab. Sinken diese Werte unter ein Limit ist die Sterblichkeitsrate hoch. Neben diesen grundlegenden Parametern ist besonders das Vorhandensein eines ausreichenden Elternbestandes, d.h. Laicherpotentials für das Aufkommen eines neuen Dorsch-Jahrganges ausschlaggebend. Die Nachwuchsmasse, eine definierbare natürliche Sterblichkeit und die durch die Fischerei verursachte fischereiliche Sterblichkeit beeinflussen die Bestandsentwicklung. Neben der Fischereitechnik bestimmen vor allem die Bestandsverhältnisse den Fischereierfolg. In Abhängigkeit von der technischen Entwicklung und aufgrund der biologischen Fangmöglichkeiten durch die Dynamik der beiden Bestände nahmen die internationalen Dorsch-Gesamtfangergebnisse ab 1920 kontinuierlich bis Mitte der 80er Jahre zu. Danach gingen die Fischereiergebnisse besonders in der östlichen Ostsee dramatisch zurück. Ursachen waren das Ausbleiben von Nachwuchsjahrgängen aufgrund von Umweltveränderungen und die Überfischung des Elternbestandes. Geregelt wird die internationale Fischerei seit 1974 durch ein Regel- und seit 1977 Fangquotensystem der Internationalen Ostsee-Fischereikommission (IBSFC). Jährlich werden die Quotenabfischung geprüft, eine Quote nach Ländern vergeben und die Fischereiregeln evaluiert. Basis der Quotenfestlegungen sind wissenschafliche Abschätzungen und der daraus resultierende Ratschlag des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES), aber auch fischereipolitische Vorgaben der Länder bzw. das Quotenmanagement der IBSFC. Danach wird für beide sich unterschiedlich entwickelnden Bestände nur eine Gesamtfangqoute festgelegt. Der wissenschaftliche Ratschlag wurde somit nicht immer umgesetzt. Derzeitig ist der östliche Bestand aufgrund der Überfischung und des "Ausbleibens" von Nachwuchsjahrgängen (nur wenige Jungfische füllen den Bestand auf) in einem desolaten und der der westlichen Ostsee durch teilweise gutes bis sehr gutes Nachwuchsaufkommen auf einen langfristig gesehen, mittleren Niveau. Letzterer kommt durch die internationale Fischereiverlagerung in die westliche Ostsee zunehmend unter Druck, wobei die Fischerei auf Jungfische mit einem hohen Anteil von wegzuwerfenden und damit toten untermaßigen Dorschen kennzeichnend für die derzeitige Fischerei ist. Schonmaßnahmen durch Quotenreduzierungen und Maschenweitenregulierungen sowie Managementänderungen im internationalen Rahmen sind somit dringend zur Bestandserhaltung bzw. - wiederherstellung im Sinne einer nachhaltigen Fischerei angezeigt.